Ausgabe 73 - 17.06.2020

UMSICHTEN - Berliner Newsletter zur Prävention von Kinder- und Jugenddelinquenz
Stiftung SPI, Clearingstelle - Netzwerke zur Prävention von Kinder- und Jugenddelinquenz

Inhaltsverzeichnis:

Herzlich willkommen

Neues aus ...

  • Schule
    (PRIMUS Preis für „Ein Zwischenraum für Schulverweigerer“ / Konflikthaus e. V. bietet Einführung für Online-Klassenrat an / Schule in Zeiten der Pandemie – Empfehlungen für die Gestaltung des Schuljahres 20/21)
  • der Jugendhilfe
    (Kostenlose Online-Beratung von JugendNotmail wird weiter ausgebaut / Jugendämter und die Folgen von Corona – Auswertung läuft)
  • der Justiz
  • (Zahlen kindlicher Gewaltopfer – Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2019 / Aufmerksamkeit und Vertrauen besonders wirksam gegen Jugendkriminalität)
  • anderen Bereichen
    (Neue Konflikt-Hotline vom Bundesverband Mediation e. V. / Erste Studie über Erfahrungen von Frauen und Kindern mit häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie veröffentlicht)

Kurzinterviews: 5 Fragen an... (Ann-Sofie Susen, Mobiles Beratungsteam Berlin – für Demokratieentwicklung)

Publikationen und Dokumentationen

(Prof. Dr. K. Boers & Prof. Dr. J. Reinecke: Aufmerksamkeit und Vertrauen besonders wirksam gegen Jugendkriminalität / T. A. Fischer, A. Schmoll, D. Willems, A. Yngborn: Zahlen – Daten – Fakten Jugendgewalt / Prof. Dr. W. Heinz: Sekundäranalyse empirischer Untersuchungen zu jugendkriminalrechtlichen Maßnahmen, deren Anwendungspraxis, Ausgestaltung und Erfolg: Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz / Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe (ZJJ) digital einsehbar / R. Heimann & Dr. J. Fritzsche (Hrsg.): Gewaltprävention in Erziehung, Schule und Verein / S. Andresen, P. Briken, B. Kavemann & H. Keupp (Reihen-Hrsg.): Sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend: Forschung als Beitrag zur Aufarbeitung / T.-G. Rüdiger & Prof. P. S. Bayerl (Hrsg.): Cyberkriminologie – Kriminologie für das digitale Zeitalter / Prof. Dr. S. Wesenberg, Dr. L. Scheidig & Prof. Dr. F. Nestmann (Hrsg.): Tiergestützte Interventionen im Justizvollzug)


Veranstaltungen und Termine
(Verschiebung des Deutschen Präventionstages 2020 / Verschiebung des 31. Deutschen Jugendgerichtstages 2020 / Fachtagung: Das Gesetz zur Stärkung der Verfahrensrechte von Beschuldigten im Jugendstrafverfahren – Auswirkungen für die Praxis in Frankfurt / Fachtagung: Systemsprenger, schwierigste Jugendliche, hoffnungslose Fälle? Kompetenzen für den Umgang mit besonders herausfordernden Klienten in Hofgeismar)

Redaktionsschluss
(10. Juni 2020) 

 

Herzlich willkommen zur 73. Ausgabe der UMSICHTEN!

Liebe Leserinnen und Leser der UMSICHTEN,
wie Sie es bereits aus unserem letzten Newsletter, der Corona-Sonderausgabe, kennen, haben wir wieder ein interessantes Kurzinterview mit einem unserer Kooperationspartner/innen geführt. Ein großes Dankeschön geht an Ann-Sofie Susen vom Mobilen Beratungsteam Berlin – für Demokratieentwicklung der Stiftung SPI, die uns in unserer neuen Rubrik „Kurzinterviews – 5 Fragen an…“ Einblicke in ihren Arbeitsalltag in Corona-Zeiten gibt. Das Mobile Beratungsteam Berlin – für Demokratieentwicklung (MBT Berlin) ist ein Leitprojekt des Berliner Landesprogramms „Demokratie. Vielfalt. Respekt. – Gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus“. Seit 2009 fungiert das MBT Berlin als Erstkontaktstelle des Berliner Beratungsnetzwerkes für Demokratieentwicklung gegen Rechtsextremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.
Natürlich stellen wir Ihnen – wie gewohnt – neben Neuigkeiten aus der Schule, der Jugendhilfe und der Justiz in unserer aktuellen frühsommerlichen Ausgabe auch einige neu erschienene Publikationen und Studien zum Thema Kinder- und Jugenddeliquenzprävention vor. Aufgrund der Corona-Pandemie sind zwar viele Veranstaltungen verschoben worden, doch in unserer Rubrik Veranstaltungen und Termine stellen wir Ihnen einen spannenden Online-Fachtag vor und verweisen auf zwei Veranstaltungen, die zwar im Herbst stattfinden, für die man sich aber jetzt schon anmelden kann.
Wir wünschen allen einen schönen Start in den Sommer und hoffen, dass Sie in diesen besonderen Zeiten den Mut nicht verlieren und gesund bleiben!
Viel Spaß beim Lesen!


Francisca Fackeldey & Stefanie Rücknagel
Redaktion UMSICHTEN

 

 

 

Neues aus...

 ...der Schule

PRIMUS PREIS für „Ein Zwischenraum für Schulverweigerer“
Die Stiftung Bildung und Gesellschaft hat den PRIMUS Preis für das Mannheimer Projekt "Ein Zwischenraum für Schulverweigerer" vergeben. Das 2018 gestartete Präventivprojekt des gemeinnützigen Vereins Lebensnahes Lernen e. V. bietet schuldistanzierten Jugendlichen einen Ort, an dem sie neue Perspektiven entwickeln können. In einem Zeitraum von drei Monaten werde auf die individuellen Interessen der Jugendlichen eingegangen und auf selbstständiges Arbeiten gesetzt. Die Preisjury sei insbesondere vom präventiven Ansatz beeindruckt, da das Projekt die Jugendlichen frühzeitig abhole und sie somit in einer für sie schwierigen Phase stabilisiere.
Mit dem PRIMUS Preis zeichnet die Stiftung Bildung und Gesellschaft zwölfmal im Jahr eine zivilgesellschaftliche Initiative mit Vorbildcharakter aus, die eine konkrete Herausforderung im Bildungssystem aufgreift. Der monatlich vergebene Primus-Preis ist mit 1.000 EUR dotiert.

Konflikthaus e. V. bietet Einführung für Online-Klassenrat an
Der Online-Klassenrat bringe die Klasse in Corona-Zeiten zusammen und biete die Möglichkeit eines partizipativen Austausches. Anstehende Entscheidungen könnten kollektiv gefällt werden. Nach einer Einführung durch das Team von Konflikthaus e. V. könne der Online-Klassenrat im Verlauf von den Schülerinnen und Schülern selbst übernommen und geleitet werden.
Konflikthaus e. V. kooperiert für das Projekt mit der Klassenratsinitiative der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e. V. und der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie.

Schule in Zeiten der Pandemie – Empfehlungen für die Gestaltung des Schuljahres 2020/21
Eine Experten- und Expertinnenkommission der Friedrich-Ebert-Stiftung hat am 28.05.2020 eine Stellungnahme zur Gestaltung der Schule während der Corona-Pandemie herausgebracht. Dabei geht die Kommission von drei denkbaren Szenarien für das kommende Schuljahr aus: 1. Präsenzunterricht als Regelfall, 2. Kombination aus Präsenz- und Fernunterricht, 3. Fern-unterricht als Regelfall. Für diese wurden Empfehlungen zu den Themen: Hygiene- und Schutz-maßnahmen, Schuljahres- und Schulorganisation, Schüler/innenbeförderung, Zielperspektiven schulischer Bildung in Zeiten einer Pandemie, methodisch-didaktische Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen, Leistungsbewertung und die Reduzierung von Bildungsungleichheiten erstellt. Die Studie aus der Online-Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung kann kostenlos heruntergeladen werden.

 

... der Jugendhilfe


Kostenlose Online-Beratung von JugendNotmail wird weiter ausgebaut
Die Onlineberatungsplattform JugendNotmail bietet bereits seit 2001 eine kostenlose Beratung für Kinder und Jugendliche an. Viele ehrenamtliche Fachkräfte aus den Bereichen Psychologie und Sozialpädagogik beraten zu Themen wie Depression, Selbstverletzung, Suizidgedanken, Gewalt, Mobbing, Missbrauch, familiäre Probleme oder Essstörungen. Ziel der Onlineberatung sei es, im Dialog mit den Kindern und Jugendlichen individuelle Lösungen für die jeweiligen Lebenssituationen zu finden und die Hilfesuchenden dabei zu stärken, sich selbst Unterstützung zu organisieren. Das Bundesjugendministerium fördert den weiteren Ausbau des Angebots nun mit einer Million Euro. In der Coronazeit sei die Plattform um 40 Prozent mehr genutzt worden, was die Wichtigkeit des präventiven Angebotes zeige. Weitere Informationen finden Sie auf der Seite des Bundesjugendministeriums.

Jugendämter und die Folgen von Corona – Auswertung läuft
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Projekts „Jugendhilfe und sozialer Wandel ‒ Leistungen und Strukturen“ am Deutschen Jugendinstitut e. V. (DJI) haben eine kurze Online-Befragung erhoben – derzeit würden die Daten ausgewertet. Mit dem „Jugendhilfeb@rometer“ wurden die Jugendämter Deutschlands dazu befragt, wie sich die Corona-Pandemie auf die kommunale Kinder- und Jugendhilfe auswirke. Im Fokus der standardisierten Befragung standen dabei die (allgemeinen) Sozialen Dienste und die Hilfen zur Erziehung der Jugendämter. Mit den empirischen Ergebnissen der Umfrage solle der Austausch über die anstehenden Herausforderungen der Kinder- und Jugendhilfe in der aktuellen Krise gefördert werden. Im Mittelpunkt stehe dabei die Frage, wie die Versorgung der Bürgerinnen und Bürger mit Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe unter den derzeitigen Bedingungen gewährleistet werden könne. Mehr Informationen und den aktuellen Stand der Befragung stehen auf der Seite des DJI e. V. zur Verfügung. Das DJI e. V. bietet seit über 50 Jahren als sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut wichtige Impulse für die Fachpraxis.

 

.... der Justiz

Zahlen kindlicher Gewaltopfer – Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2019
In einer gemeinsamen Presseerklärung haben die Deutsche Kinderhilfe, der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), das Frühwarnsystem für Ärzte zur Prävention von Kindesmisshandlung (RISKID) und das Bundeskriminalamt (BKA) am 11.05.2020 die Zahlen kindlicher Gewaltopfer als Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2019 in einer gemeinsamen Pressekonferenz veröffentlicht.
Die vorgestellten Zahlen zeigten einmal mehr, dass Gewalt gegen Kinder ein sehr ernst zu nehmendes Phänomen sei, welches mit allen Mitteln bekämpft werden müsse. Dabei sei zu beachten, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik nur das Hellfeld der Kriminalität dokumentiere. Viele Taten blieben unentdeckt, vor allem dann, wenn der Täter oder die Täterin aus dem sozialen Nahbereich der Opfer stammen. Gerade in Zeiten von Corona sei die Gefahr von innerfamiliärer häuslicher Gewalt gegen Kinder erhöht.
Weiterhin besorgniserregend sei der stetige Anstieg der Fallzahlen im Bereich der Kinder-pornografie im Internet wie auch des sogenannten Cybergrooming, bei dem Kinder im Internet gezielt zur Anbahnung sexueller Interaktionen angesprochen würden, beispielsweise über Chatgespräche, den Austausch von Bildern oder per Videochat. Auf der Seite des BKAs kann zudem die Polizeiliche Kriminalstatistik 2019 – Zahlen kindlicher Gewaltopfer heruntergeladen werden.

 

... anderen Bereichen

Neue Konflikt-Hotline vom Bundesverband Mediation e. V.
Ob in der Familie oder im Job – durch die reduzierten sozialen Kontakte und die besonderen Herausforderungen im Arbeitskontext könne es während der Coronazeit vermehrt zu Konflikten kommen. Um eine Eskalation zu vermeiden, können sich Menschen in Konfliktsituationen ab sofort unter der Telefonnummer 0800 247 36 76 zwischen 8 und 20 Uhr von Mediatorinnen und Mediatoren kostenfrei beraten lassen. Weitere Informationen finden Sie auf der Seite des Bundesverbandes Mediation e. V.

 

Erste Studie über Erfahrungen von Frauen und Kindern mit häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie veröffentlicht
Janina Steinert (Professorin für Global Health an der Technischen Universität München TUM) und Dr. Cara Ebert (RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung) haben zwischen dem 22. April und dem 8. Mai 2020 rund 3.800 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren online nach ihren Erfahrungen aus dem vorangegangenen Monat, also der Zeit der strengsten Kontakt-beschränkungen, befragt. Die Wissenschaftlerinnen hätten dabei eine anerkannte indirekte Fragemethode angewandt, um zu verhindern, dass manche Befragte aus Scham, insbesondere bei Fragen zu erlebter sexueller Gewalt, nichtzutreffende Antworten gäben. Die Studie sei hinsichtlich Alter, Bildungsstand, Einkommen, Haushaltsgröße und Wohnort repräsentativ für Deutschland.
Den Ergebnissen der Studie zufolge seien rund 3,0 Prozent der Frauen in der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen zu Hause Opfer körperlicher Gewalt und 3,6 Prozent von ihrem Partner vergewaltigt worden. In 6,5 Prozent aller Haushalte seien Kinder gewalttätig bestraft worden. Dies zeige die erste große repräsentative Umfrage zu häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie. Waren die Frauen in Quarantäne oder hätten die Familien finanzielle Sorgen, lägen die Zahlen deutlich höher. Nur ein sehr kleiner Teil der betroffenen Frauen habe bestehende Hilfsangebote genutzt. Aus den Risikofaktoren ließen sich den Wissenschaftlerinnen zufolge mehrere Empfehlungen für bestehende und eventuell künftige Beschränkungen während einer möglichen zweiten Welle der Pandemie, wie beispielsweise Notbetreuungen auch für Kinder von Eltern mit nicht systemrelevanten Berufen, die Möglichkeit von niedrigschwelligen psychologischen Online-Beratungen und Online-Therapien oder die große Systemrelevanz von Frauenhäusern ableiten.

 

 

Kurzinterviews: 5 Fragen an...

In unserer neuen Rubrik „5 Fragen an…“ beantworten Experten und Expertinnen aus der Praxis, wie sie mit der derzeitigen Ausnahmesituation umgehen und was das für ihre Arbeit bedeutet. Diesmal gibt es Einblicke in die Arbeit des Mobilen Beratungsteams.


Ann-Sofie Susen (Projektleitung Mobiles Beratungsteam Berlin – für Demokratieentwicklung)

1. Wie sieht momentan der Arbeitsalltag aus?

Das Büro ist täglich besetzt und erreichbar, gleichzeitig wird von zu Hause aus gearbeitet. Obwohl wir noch nicht wieder das alte Anfrageniveau erreicht haben, ist die Arbeit nicht weniger geworden. Die Erprobung neuer Formate, die Koordination des Teams und der Arbeit sowie das Organisieren von Kommunikation brauchen mehr Zeit als gedacht.

2. Gibt es Alternativangebote? Wie seid ihr kreativ/innovativ etc. mit der Situation umgegangen?

Ja, bei allen Schwierigkeiten: Die Krise hat auch eine Menge kreativer Ideen im Team freigesetzt, einige davon haben wir mit enormer Geschwindigkeit ausprobiert und umgesetzt. Schon im März war relativ schnell klar, dass das MBT eine Hilfestellung zum Umgang mit Verschwörungsmythen publizieren würde. Darüber hinaus haben wir verschiedene digitale Formate ausprobiert und eine eigene Textreihe entwickelt. Wir haben gelernt, dass sich Seminare und Workshops nicht eins zu eins digital transformieren lassen, dass das eigene Formate sind, die einer eigenen Konzeption bedürfen. Aber wir sind zuversichtlich, dass das MBT langfristig seine Angebote dadurch erweitern kann und in Zukunft noch flexibler und mobiler sein wird.

3. Was war/ist die größte berufliche Herausforderung? Wie wurde sie bewältigt?

Die MBT-Arbeit lebt geradezu von Kommunikation. Von Kommunikation im Team, von Kommunikation mit den Beratungsnehmenden. Deshalb war es die größte Herausforderung für uns, funktionierende digitale Kommunikationskanäle einzurichten, die es möglich machen, miteinander zu arbeiten und in Kontakt zu bleiben. Das klingt erst einmal nicht so schwer, aber in der Praxis sind da doch viele Fragen zu klären wie Funktionalität, Datenschutz, Barrierefreiheit und Passung. Und manchmal helfen auch ganz einfache Ideen weiter: Zum Beispiel haben wir Klappstühle angeschafft, mit denen wir uns im Hof an der frischen Luft treffen können. Positiver Nebeneffekt: In der Sonne bei Vogelgezwitscher läuft manche Diskussion deutlich entspannter. Und die Teamarbeit erfährt noch einmal eine ganz neue Wertschätzung.

4. Wie schätzt ihr die aktuelle Lage eurer Klientel ein?

Zunächst einmal wurden verständlicherweise sämtliche Präsenzveranstaltungen abgesagt. Nicht nur wegen der Ansteckungsgefahr, sondern auch, weil die meisten Beratungsnehmenden selbst damit beschäftigt waren, ihre Arbeit und ihre Einrichtungen umzuorganisieren. Die Auseinandersetzung mit Vorurteilen, Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit schien erst einmal nicht mehr vordringlich zu sein, zumal ja bei vielen durch die Schließung ihrer Einrichtungen die Herausforderungen im täglichen Umgang damit auch weniger präsent waren. Inzwischen nehmen die Anfragen aber wieder zu und manche gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnisse wurden in den letzten Wochen ja auch deutlich sichtbarer für alle. Nicht zuletzt die Demonstrationen in den USA und hier zeigen aktuell, dass sich die grundlegenden Problemlagen nicht verändert haben und sich in den Protesten ihr Ventil suchen.

5. Was möchtet ihr euren Kooperationspartnern/-innen oder Klienten/Klientinnen zu eurer derzeitigen Zusammenarbeit sagen?

Wir sind weiterhin für alle Berliner und Berlinerinnen da und ansprechbar, sowohl analog als auch digital. Einfach anrufen oder eine E-Mail schreiben. Wir freuen uns auf Sie!

 

 

Publikationen und Dokumentationen

Prof. Dr. K. Boers & Prof. Dr. J. Reinecke: Aufmerksamkeit und Vertrauen besonders wirksam gegen Jugendkriminalität
Bereits Anfang des Jahres haben Wissenschaftler die Ergebnisse der Langzeitstudie "Kriminalität in der modernen Stadt" vorgelegt. In der Studie wurde in einem Zeitraum von knapp 20 Jahren delinquentes Verhalten vom späten Kindes- bis ins frühe Erwachsenenalter in den Blick genommen. Von 2002 bis 2019 befragten die Wissenschaftler in Duisburg rund 3.000 Personen zwischen dem 13. und 30. Lebensjahr zunächst jedes Jahr und später alle zwei Jahre nach begangenen Delikten (Täterbefragung) sowie nach Einstellungen, Werten und Lebensstilen.
Die Studie zeige, dass die meisten Täter und Täterinnen spätestens als Heranwachsende damit aufhören würden, Straf- und vor allem Gewalttaten zu begehen. Diese positive Entwicklung sei ein Erfolg von pädagogischen Maßnahmen und angemessenen polizeilichen und justiziellen Reaktionen. Die Wissenschaftler sähen es daher als begrüßenswert und sinnvoll an, dass das Jugendstrafrecht es den Staatsanwaltschaften und Gerichten ermögliche, sich gegenüber den erzieherischen Bemühungen von Eltern, Lehrern und anderen Gruppen zurückzuhalten und auf die vorübergehenden Delikte Jugendlicher mit Verfahrenseinstellungen zu reagieren. Dies sei auch ein Grund dafür, warum seit den 2000er Jahren die Kriminalität von Jugendlichen und Heranwachsenden insgesamt um ein Drittel, die Gewaltkriminalität sogar um die Hälfte zurückgegangen sei.
Weitere Ergebnisse der Studie seien, dass Jugendliche aus Elternhäusern mit einer Arbeitsmigrationsgeschichte nicht mehr Diebstähle als Jugendliche deutscher Herkunft begehen würden. Zudem würden Mädchen türkischer Herkunft bei allen Straftaten seltener auffallen als deutsche Mädchen. Während in den 1990er Jahren noch mehr männliche Jugendliche aus Familien mit Arbeitsmigrationsgeschichte mit deutlich mehr Gewaltdelikten und auch häufiger als Intensivtäter auffielen, konnten in den 2000er Jahren erstmals keine gravierenden Unterschiede mehr zwischen männlichen Jugendlichen deutscher und türkischer sowie osteuropäischer Herkunft festgestellt werden. Zudem würden Jugendliche deutscher Herkunft mit vergleichbaren sozialen Defiziten ähnliche Gewaltraten, wie z. B. Jugendliche türkischer Herkunft aufweisen.
Die Studie ist im Buch „Delinquenz im Altersverlauf: Erkenntnisse der Langzeitstudie Kriminalität in der modernen Stadt“ beim Waxmann‐Verlag erschienen.Prof. Dr. K. Boers ist Direktor des Instituts für Kriminalwissenschaften an der Westfälische Wilhelms-Universität Münster.
Prof. Dr. J. Reinecke hat die Professur für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld inne.

T. A. Fischer, A. Schmoll, D. Willems & A. Yngborn: Zahlen – Daten – Fakten Jugendgewalt, Stand: Mai 2020
In der Broschüre findet sich eine aktualisierte Zusammenstellung der Arbeitsstelle zu Delinquenz junger Menschen im Allgemeinen, zur Entwicklung von Jugendgewalt und der Viktimisierung junger Menschen durch Gewalt. Darüber hinaus werden die Strafverfolgung, verurteilte Jugendliche und Jugendstrafgefangene und mögliche (Weiter-)Entwicklungen kriminalitätspräventiver Maßnahmen näher betrachtet. Herausgegeben wird die Broschüre vom Deutschen Jugendinstitut e. V. (DJI). Die Broschüre kann hier kostenlos heruntergeladen werden.


Prof. Dr. W. Heinz: Sekundäranalyse empirischer Untersuchungen zu jugend-kriminalrechtlichen Maßnahmen, deren Anwendungspraxis, Ausgestaltung und Erfolg: Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz

Das Gutachten, welches vom Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz in Auftrag gegeben wurde, beschäftigt sich zur Anwendungspraxis, Ausgestaltung sowie insbesondere mit Sanktionswirkungen von jugendkriminalrechtlichen Maßnahmen, wobei empirische Untersuchungen ab 1990 berücksichtigt wurden. Um die Befunde der Sekundäranalyse einordnen zu können, wurde die Publikation um die Darstellung und Analyse von Jugendkriminalität im Hell- und Dunkelfeld erweitert. Zudem weist das letzte Kapitel des Gutachtens Handlungsempfehlungen für die Praxis auf. Sowohl die einzelnen Kapitel als auch das gesamte Gutachten können kostenfrei auf der Seite der Kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden heruntergeladen werden.
Prof. em. Dr. W. Heinz ist Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie und Strafrecht der Universität Konstanz am Fachbereich Rechtswissenschaft, Rechts-, Wirtschafts-und Verwaltungs-wissenschaftliche Sektion.

Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe (ZJJ) digital einsehbar
Seit Ende Mai 2020 können Mitglieder der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen e. V. (DVJJ), Abonnenten und Abonnentinnen der Zeitschrift auch auf die ZJJ online sowie auf alle Fachbeiträge und Gesamtausgaben der Jahre 2003 bis 2020 kostenfrei zugreifen (ältere Ausgaben und Artikel sollen noch ergänzt werden). Die Registrierung bei der DVJJ kann hier erfolgen.

R. Heimann & Dr. J. Fritzsche (Hrsg.): Gewaltprävention in Erziehung, Schule und Verein
Die Publikation will einen präzisen Überblick zur Sozialerziehung von Kindern und Jugendlichen für diejenige geben, die im Rahmen ihrer beruflichen, ehrenamtlichen oder erzieherischen Tätigkeit die notwendigen Impulse setzen wollen und daran interessiert sind, wie sie diese erfolgreich vermitteln können. Das Handbuch umfasst einen Grundlagen- und einen Präventionsteil und kann als eBook für 29,99 EUR oder als Softcover für 37,99 EUR beim Springer VS erworben werden.
R. Heimann ist leitender Polizeidirektor und lehrt an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung Kriminologie, Führungslehre und polizeiliches Einsatzmanagement. Zudem ist er Referent für Gewaltschutz zur DOSB-Lizenz gewaltschutztrainier. Einer seiner Forschungs-schwerpunkte ist die sexualisierte Gewalt.
Dr. J. Fritzsche ist u. a. ressortleitend für Gewaltschutz und Selbstverteidigung und doziert im Themenfeld Gewaltschutz für Institute, Firmen, öffentliche Verwaltungen und Schulen.

S. Andresen, P. Briken, B. Kavemann & H. Keupp (Reihen-Hrsg.): Sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend: Forschung als Beitrag zur Aufarbeitung
Lange hätten Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen mit sexueller Gewalt im familiären und privaten Umfeld sowie in Kontexten kirchlicher oder pädagogischer Institutionen zu großen gesellschaftlichen Tabuthemen gehört. In dieser Buchreihe wollen sich verschiedene Studien diesen Themen annehmen und so zur Aufarbeitung sexueller Gewalt beitragen. In diesem Jahr sind die beiden Titel „Der Vollzug des Schweigens – Konzeptionell legitimierte Gewalt in den stationären Hilfen“ und „Geschichten, die zählen – Band I: Fallstudien zu sexuellem Kindesmissbrauch in der evangelischen und katholischen Kirche und in der DDR“ erschienen. Seit 2017 sind bereits acht Titel in der Buchreihe veröffentlicht worden. Die Preise der einzelnen Veröffentlichungen variieren und liegen derzeit zwischen 29,99 EUR und 46,99 EUR. Die Buchreihe kann beim Springer VS erworben werden.
Die Herausgeber/innen sind alle Mitglieder der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

T.-G. Rüdiger & Prof. P. S. Bayerl (Hrsg.): Cyberkriminologie – Kriminologie für das digitale Zeitalter
Die grundsätzliche Frage, die dieses Buch in den Blick nimmt, ist: Können bisherige kriminologische Theorien und Erkenntnisse auf die Regeln des digitalen Raumes übertragen werden? Durch Beiträge verschiedener Bereiche der Kriminologie und anderen Kriminal-wissenschaften, will die Publikation dieser Frage aus unterschiedlichen Perspektiven nachgehen und aktuelle Entwicklungen im Bereich digitaler Delikte und digitaler Polizeiarbeit untersuchen. Die Publikation kann als eBook für 42,99 EUR oder als Softcover über den Springer VS für 54,99 EUR erworben werden.
T.-G. Rüdiger ist Kriminologe und am Institut für Polizeiwissenschaft der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg tätig. Seine Forschungsinteressen liegen u. a. im Bereich digitaler Straftaten und Interaktionsrisiken sozialer Medien sowie in den Auswirkungen digitaler Polizeiarbeit.
P. S. Bayerl ist Professorin für Digitale Kommunikation und Sicherheit am Centre of Excellence for Terrorism, Resilience, Intelligence and Organised Crime Research (CENTRIC) an der Sheffield Hallam University, UK.

Prof. Dr. S. Wesenberg, Dr. L. Scheidig & Prof. Dr. F. Nestmann (Hrsg.): Tiergestützte Interventionen im Justizvollzug
Tiergestützte Interventionen im Strafvollzug seien bisher wenig wissenschaftlich beleuchtet worden. In diesem Buch werden verschiedene internationale Forschungsprojekte und Best-Practice-Beispiele aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Luxemburg und der Schweiz vorgestellt, welche Auskunft über Gelingensbedingungen, erfolgreiche Strategien sowie Hindernisse und Grenzen tiergestützter Arbeit im Jugendarrest, in Justizvollzuganstalten oder in forensischen Kliniken geben. Das Buch, welches beim Springer VS erschienen ist, kann entweder für 29,99 EUR als eBook oder für 39,99 EUR als Softcover erworben werden.
Prof. Dr. S. Wesenberg ist Gastprofessorin für Klinische Psychologie an der ASH Berlin. Dr. L. Scheidig ist Fachberaterin für tiergestützte Intervention und arbeitet in Leipzig. Prof. Dr. F. Nestmann ist emeritierter Professor für Beratung und Rehabilitation an der TU Dresden.

 

Veranstaltungen und Termine


Verschiebung des Deutschen Präventionstages 2020
Aufgrund der Corona-Pandemie und ihrer Auswirkungen wurde der diesjährige Deutsche Präventionstag zum Thema „Smart Prevention – Prävention in der digitalen Welt“ in den September verschoben. Der Kongresskatalog kann online eingesehen werden. Das vorgesehene Programm wird überarbeitet und aktualisiert werden. Eine Anmeldung ist derzeit nicht möglich, Informationen diesbezüglich sollen aber folgen. Mit bereits angemeldeten Besuchern und Besucherinnen soll Kontakt aufgenommen werden.
Neues Datum: 28.-29.09.2020
Ort: Kassel, Kongress Palais Kassel

Verschiebung des 31. Deutschen Jugendgerichtstages 2020
Auch diese Veranstaltung muss aufgrund der Corona-Pandemie verschoben werden. Der neue Termin für den 31. Deutschen Jugendgerichtstag, ausgetragen von der DVJJ, unter dem Titel
„Jugend, Recht und Öffentlichkeit – Selbstbilder, Fremdbilder, Zerrbilder“ an der Universität Bonn liegt in 2021. Während dieser Tage sollen über grundlegende und aktuelle Themen der Jugendkriminalrechtspflege diskutiert werden und Interessierte sollen die Gelegenheit bekommen, neue ebenso wie bewährte Projekte und Initiativen kennen zu lernen und sich zum intensiven Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern aller Institutionen der Jugendkriminalrechtspflege zusammen zu finden.
Bereits angemeldete Personen sollen dieses Rückmeldeformular ausfüllen und bis zum 07.07.2020 zurücksenden, es stehen mehrere Vorgehensweisen zur für die Anmeldungen für 2020 zur Verfügung.
Neues Datum: 16.-19.06.2021
Ort: Bonn, Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität

Fachtagung: Das Gesetz zur Stärkung der Verfahrensrechte von Beschuldigten im Jugendstrafverfahren – Auswirkungen für die Praxis in Frankfurt
Durch die beiden Gesetze „Gesetz zur Stärkung der Verfahrensrechte von Beschuldigten im Jugendstrafverfahren“ sowie „Gesetz zur Neuregelung des Rechts der notwendigen Verteidigung“ ergeben sich wesentliche Änderungen für das Jugendstrafverfahren. Die gesetzlichen Änderungen sollen kompakt und berufsgruppenübergreifend in der Veranstaltung verdeutlicht werden. Zudem wird es die Möglichkeit geben, sich über die konkreten Folgen für die verschiedenen Berufsgruppen in kleineren Gruppen austauschen zu können. Der Fachtag in Frankfurt wird von der DVJJ angeboten.
Datum: 30.09.2020
Ort: Frankfurt am Main, Caritasverband Frankfurt e. V.
Kosten: 95,00 EUR inkl. Verpflegung (80,00 EUR für DVJJ-Mitglieder)
Anmeldeschluss: 30.08.2020
Informationen und Anmeldung

Fachtagung: Systemsprenger, schwierigste Jugendliche, hoffnungslose Fälle? Kompetenzen für den Umgang mit besonders herausfordernden Klienten in Hofgeismar
Die Veranstaltung, von der DVJJ organisiert, beschäftigt sich mit den folgenden Themen-schwerpunkten: Inszenierung und Schauspiel im pädagogischen Prozess, Wichtige Kompetenz von Praktiker und Praktikerinnen: Rollenklarheit und Humor, Biografiearbeit und Zwei-Wege-Technik, Fallarbeit und Fallsupervision, Dialogübung zur Wahrnehmung von Körpersprache, Lösungsorientierte und wertschätzende Gesprächsführung, Pacing und Leading, Prinzipien der Idiolektik im Klientengespräch. Fachkräfte der Jugend- und Bewährungshilfe sind eingeladen, eigene Fallbeispiele mitzubringen, die in der Gruppe besprochen werden können.
Datum: 14.-16.10.2020
Ort: Hofgeismar, Evangelische Tagungsstätte
Kosten: 405,00 EUR inkl. Unterbringung im Einzelzimmer und Verpflegung (375,00 EUR für DVJJ-Mitglieder)
Anmeldeschluss: 14.09.2020
Informationen und Anmeldung

 

Redaktionsschluss


Die nächste Ausgabe der UMSICHTEN erscheint im August 2020. Redaktionsschluss ist der 31. Juli 2020; bitte reichen Sie Ihre Beiträge bis zu diesem Termin hier ein.

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